Freie Goethe-Schule Wandsbek - Von der Gründung bis zum Verbot (1922 bis 1939)

In den Wirren nach dem ersten Weltkrieg suchte Emil Molt, Inhaber der „Waldorf Astoria Cigarettenfabrik” in Stuttgart, mit seinen Arbeitern in Betriebsversammlungen Wege in die Zukunft. Als Ergebnis zeichnete sich ab, das allein Bildung für die Kinder einen Weg aus damaliger Unsicherheit und Not in die Zukunft mitgeben werden kann. Emil Molt trägt Rudolf Steiner die Bitte vor, er möge ihm bei der Schaffung einer neuen Schule helfen. So kam es 1919 in Stuttgart zur Gründung der “Schule für die Kinder von Werksangehörigen”, der ersten Waldorfschule.
Zwei Jahre darauf wurde in Köln eine weitere Waldorfschule eröffnet, die aber bereits 1925 wieder schließen musste.
Der Ingenieur und Bauunternehmer Hans Pohlmann und seine Frau Emilie baten Rudolf Steiner etwa zur gleichen Zeit, er möge der Gründung einer Waldorfschule in Hamburg zustimmen. Als Hans Pohlmann bereit war, für Grundstück, Räume und auch für die Lehrergehälter zu garantieren, stimmte Rudolf Steiner schließlich der Gründung der „Freien Goethe-Schule” 1922 in der preußischen Stadt Wandsbek, östlich von Hamburg, zu. Er gewann Dr. Max Kändler, Schulrat aus Thüringen, für die Leitung der Schule. Dieser und seine eben siebzehnjährige Tochter Ilse begann in der geräumigen Villa von Hans Pohlmann, Jüthornstraße 4a, mit neun Kindern am 22.04.1922 den Unterricht.

“…um 1919/20 herum rief Rudolf Steiner meinen Vater zu sich und erzählte ihm, daß ein Herr Ing. Hans Pohlmann dagewesen sei, der gern sähe, daß in Hamburg eine Waldorfschule entstünde. Er könne vorerst eine Villa dafür zur Verfügung stellen und wolle auch sonst finanziell helfen. Ob mein Vater nicht die pädagogische Seite übernehmen wolle.“… „Mit Bezug auf die Schulgründungsfrage erbat sich mein Vater eine Nacht Bedenkzeit. Er war immerhin schon 50 Jahre alt, liebte seine Arbeit und seine Lehrer in Greiz sehr und sah deutlich das finanzielle Risiko ohne eine Beamten-Sicherheit. Aber er sagte am nächsten Morgen zu und besprach die nächsten Schritte mit Rudolf Steiner.“ …„Wandsbek, wo die Villa von Herrn Hans Pohlmann stand, gehörte 1922 noch zu Preußen. Mein Vater mußte also in dem nun beginnenden Behördenkampf immer wieder nach Berlin reisen und verhandeln. Man war dort mißtrauisch und konnte nicht verstehen, daß ein Kreisschulrat seine gesicherte Beamtenlaufbahn aufgeben wolle, um mit ein paar Kindern etwas Neues zu beginnen. Die Genehmigung wurde immer wieder hinausgezögert.“…„Bei der Namengebung der Schule wollte mein Vater sie gerne Rudolf Steiner-Schule nennen, aber Rudolf Steiner meinte: Warum wollen Sie sich denn mit meinem Namen Steine in den Weg legen? Tun Sie das lieber nicht! – Darauf fragte mein Vater, ob man sie denn Goethe-Schule nennen solle. Davon war Rudolf Steiner begeistert.“ (50-Jahr-Feier der Wandsbeker Waldorfschule – Zitate von Ilse Kändler / 1972)

Hans PohlmannHans Pohlmann Ilse KändlerIlse Kändler Satzung des Vereins Freie Goethe-SchuleSatzung des Vereins Freie Goethe-Schule Heinz MüllerHeinz Müller

Im Jahr darauf schickte Rudolf Steiner einen jungen Lehrer aus Jena: Heinz Müller hatte eben das Lehrerexamen abgelegt und die begonnene Hochschullaufbahn abgebrochen, als er von Rudolf Steiner den Auftrag erhielt, in die Schule in Wandsbek einzutreten. “Das darf keine Winkelschule werden. Sorgen sie dafür, daß immer mehr weltmännischer Geist dort waltet!” (Heinz Müller: Spuren auf dem Weg S. 80), bekam er mit auf den Weg.
“Die Schule traf auf unerwarteten Widerstand. Im Hamburger Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft waren Warnungen vor der neuen Schule in Wandsbek verbreitet worden, so dass zu wenige Kinder angemeldet worden waren. Und die Stuttgarter Schule gab zunächst die
Ergebnisse der von Rudolf Steiner gehaltenen Pädagogischen Kurse nicht an die Wandsbeker Schule weiter. Beides bedurfte zur Regelung des Eingreifens von Rudolf Steiner selber.”(50-Jahr-Feier der Wandsbeker Waldorfschule – Bericht von Ilse Kändler / 1972)

Die Schule gedieh dennoch dann rasch. In der Bleicherstraße (heute Kattunbleiche) wurde nahe dem zukünftigen Schulgrundstück ein Erweiterungsbau als Schulraum zur Villa hinzuerworben.
Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Hamburg mehrere Schulen besonderer Prägung, von denen einige in der Erneuerung der Schulpädagogik in Deutschland Bedeutung gewannen. Dennoch fand der Versuch, die “Freie Goethe-Schule” nach Hamburg zu verlegen, bei der sozialdemokratischen Schulverwaltung keine Zustimmung.

So wurde beschlossen, im preußischen Wandsbek zu bleiben. Im März 1924 erwarb Hans Pohlmann ein ca. 5000 m² großes Gelände an der Bleicherstraße, auf dem dann bereits 1925 das neue Schulgebäude fertig gestellt werden konnte. Es enthielt zehn Klassen- und entsprechende Fachräume sowie eine Aula mit etwa 400 Sitzplätzen.
1928 und 1929/30 wurden Erweiterungsbauten mit weiteren Klassenräumen, einer Turnhalle, Fachräumen und Schulküche angefügt.
1930 hatte die Schule 430 Schüler und 17 Lehrkräfte: Otto Altemüller, Dr. Franz Brumberg, Dr. Paula Dieterich, Gertrud Jasper, Dr. Max Kändler, Lucie Kralemann, Dr. Fritz Kübler, Henny Lembcke, Dr. Merz, Beatrice Müller, Heinz Müller, Ilse Prieß-Kändler, Olga Schwandt, Roberto Sobeczko, Dietrich Steinmann, Dr. Hans Theberat, Senta Uebelacker, als Schulärzte: Dr. med. Thylmann, Dr. med. Solti, Sekretär: H. Prieß, Hausmeister: M. Stange.

Schulgründung in Altona

Vier Lehrer entschieden 1931, die Schule zu verlassen. Zu diesem Entschluss hatten nicht Gegensätze geführt, welche pädagogische Differenzen betraffen, die also mit dem Unterricht und der Erziehung zu tun hatten. Es wurde von den vier genannten Kollegen immer wiederholt erklärt, dass das rein pädagogische Arbeiten der Goetheschule befriedigend sei und dass sie selber sich in ihrer Klassenarbeit frei und ungehindert fühlten. Es handelte sich vielmehr um Gegensätze, die sich in der Hauptsache auf die Verfassung und die Verwaltung der Goetheschule beziehen (Brief 1931, Bericht Heinz Müller).
Die Auseinandersetzungen bewogen, neben den vier Kollegen auch die Ihnen zugewandten Eltern und Kinder in Altona eine eigene Schule zu gründen. Dies hätte für beide Schulen auf Grund der geringen Schülerzahlen das Ende bedeuten können. Dies wurde allerdings 7/8 Jahre später auf andere Weise erzwungen.

Die “Freie Goethe-Schule” unter dem Nationalsozialismus

Mit zunehmender Einflussnahme der nationalsozialistischen Regierung auf alle Bereiche des Lebens in Deutschland wurde 1935 die Anthroposophische Gesellschaft verboten und aufgelöst. Die Entdeckung heimlicher Versammlungen ehemaliger Mitglieder führten günstigstenfalls ins Gefängnis. Den meisten Privatschulen wurde 1936 verboten, neue Schüler aufzunehmen. Dies betraf vor allem die Waldorfschulen. Denn die Berichte der nationalsozialistischen Schulaufsichtsbeamten stellten zwar zumeist befriedigende fachliche Leistungen der Schüler fest, bemängelten aber, dass die nationalsozialistischer Weltanschauung und Gesinnung in Unterricht und Verhalten nicht einmal ansatzweise bei Lehrern und Schülern gegeben sei!

Besichtigungsbericht der NS-Behörden

Um dem Ablegen eines Eides auf Hitler, was von allen Arbeitenden im Öffentlichen Dienst verlangt wurde, zuvorzukommen, beendete die Schule in Altona 1938 ihre Tätigkeit durch Auflösung.
Die Lehrer der “Freien Goethe-Schule” leisteten den verlangten Eid. Und so konnte eine größere Zahl von Schülern aus Altona den Unterricht in Wandsbek fortsetzen, wenn dafür ein erforderlicher Antrag der Eltern von der Schulaufsichtsbehörde genehmigt wurde.
Im Herbst 1939 wurde schließlich auch die “Freie Goethe-Schule” verboten und geschlossen. Die Schüler wurden auf staatliche Schulen verteilt, die Lehrer abkommandiert zum kriegsbedingten Einsatz in der Verwaltung, z.B. der Ausgabe von Lebensmittelkarten. Hans Pohlmann konnte Schulgrundstück und Gebäude nicht mehr halten und sah sich zum Verkauf an die Stadt gezwungen. Manche der Lehrer führten insgeheim den Waldorfunterricht unter erheblicher Gefährdung in privaten Hausbesuchen fort.
Lehrer bei Schließung der Schule waren: Otto Altemüller, Hedwig Diestel, Karl Froebe, Fräulein Dr. Barg, Arthur Fuchs, Lucie Kralemann, Elisabeth Kübler, Friedrich Kübler, Dr. Hildegard Meyer, Heinz Müller, Ilse Prieß-Kändler, Adolf Rolof, Eberhard Schiller, Dr. Hermann Schüler, Olga Schwandt, Roberto Sobeczko, Martha Somann, Dietrich Steinmann, Senta Uebelacker.

Anfang in der Villa in der Jüthornstraße 4aAnfang in der Villa in der Jüthornstraße 4a Die Goethe-Schule in den 20iger JahrenDie Goethe-Schule in den 20iger Jahren Schuleingang von der  BleicherstraßeSchuleingang von der Bleicherstraße Kriegsruine 1945Kriegsruine 1945