Wiederbeginn in schwerer Zeit

Vom Kriegsende bis zum Neubau (1946 bis 1985)

In seinen Erinnerungen, “Spuren auf dem Weg”, beschreibt Heinz Müller, dass er mit einer Laienspielschar mit den “Oberuferer Weihnachtsspielen” Hamburg von Ost nach West durchzog und auf diese Weise versuchte Eltern und Freunde der Freien Goethe-Schule wieder zu aktivieren. Nebeneffekt war, dass Sammlungen nach den 19 Aufführungen einen Betrag von 60000 Reichsmark brachten.
Sonderbarerweise war nach Verbot und Auflösung der Schule der Schulverein nicht aufgelöst worden. So konnte am 11. April 1946 der Verein sofort mit einer Erneuerung beginnen. Es schieden aus: Carl Friedrich Steub, Heinz Müller, Dr. Fritz Rascher, Alfred Sleumer, Fräulein Martha Somann, Frau Emilie Pohlmann. Ergänzung erfolgte durch: Dr. Johannes Hemleben, J. Schürer, Franz Westermann, Johannes Hendrik van Grootheest, D. Paula Dieterich und Dr. Annemarie Pönitz.
Die “Freie Goethe-Schule” wurde umbenannt in “Rudolf Steiner Schule”. Der Intelligence Service der Englischen Besatzungsmacht hatte unter anderem die Aufgabe, so viel an demokratischen Bestrebungen in der Britischen Besatzungszone wie irgend möglich wieder aufleben zu lassen, beziehungsweise neu einzurichten. Waldorfschule und Anthroposophie waren dort selbstverständlich bekannt. Der Eindruck der erfolgreichen Arbeit vor dem Verbot und die Bemängelung der Gesinnung von Lehrern und Schülern durch die nationalsozialistischen Beamten der Schulaufsicht waren jetzt wichtige positive Zeugnisse. So wurde einer Wiedereröffnung der Waldorfschule nichts in den Weg gelegt.

WiederaufbauWiederaufbau GrundsteinlegungGrundsteinlegung NeubauNeubau Klasse von Heinz Müller 50iger JahreKlasse von Heinz Müller 50iger Jahre

Mit dem finanziellen Ergebnis der “Oberuferer Weihnachtsspiele” und einem Geldbeitrag von Ingenieur Hans Pohlmann war die Grundlage für den Beginn von Reparaturarbeiten am schwer kriegsbeschädigten Schulgebäude gesichert.
Mit den aus dem Krieg heimgekehrten Facharbeitern und dank seiner Beziehungen zu seinerzeit kaum zu beschaffendem Material gelang es, die Räume einigermaßen benutzbar zu machen: über dem Fußboden des Saales im 2. Obergeschoss wurde ein Notdach errichtet, wo Glas nicht reichte, Pappe und Sperrholz in die Fenster eingesetzt, die Heizung notdürftig in Gang gebracht. Einen Stuhl hatte jeder Schüler zunächst selber mitzubringen. Trotz aller Behelfsmäßigkeiten wuchs die Schülerzahl so, dass bald in zwei Schichten unterrichtet werden musste, eine Hälfte von 08:00 bis 13:00 Uhr, die andere von 13:00 bis 18:00 Uhr. Alle zwei Wochen fand ein Wechsel statt.
Im Winter war häufiger Grund des Fehlens, dass kein festes Schuhwerk vorhanden war. Von amerikanischen Hilfsorganisationen gespendete Schuhe, bewiesen oft bereits beim ersten Regen mangelhafte Haltbarkeit. Regelmäßige englische Schulspeisung allerdings und Care-Pakete aus Amerika zu den Ferien waren jedes Mal Inseln angenehmer Sättigung im Ozean des andauernden allgemeinen Hungers.

Nach und nach konnten schließlich alle Räume, die an Gewerbebetriebe vergeben worden waren, wieder von der Schule übernommen werden.
1948 besuchten bereits 800 Schüler die Schule, im März 1951 wurde das erste Abitur abgenommen und im Herbst 1951 gab es 25 Klassen mit 1036 Schülern. Gegen eine solche Überbelegung der Ruine bestanden bei den Aufsichtsbehörden berechtigte Bedenken.
So wurde im Westen der Stadt nach einem Grundstück für eine zweite Schule gesucht. Der Rudolf Steiner Schulverein erwarb die zum Verkauf stehende Villa Ephraim an der Elbchaussee 366. Das Grundstück schien in der Größe für spätere Erweiterungen geeignet. Oberstufenschüler beteiligten sich dort an Ausräum- und leichteren Abbrucharbeiten. Die geräumige Villa wurde abschnittsweise umgebaut und ab 1952 für Unterricht von dorthin aus Wandsbek übersiedelten Klassen genutzt.
Dennoch brachte dies nicht die notwendige Entlastung in Wandsbek. Die Stadt begann mit der Sanierung des Hauptgebäudes. Geplant war eine schrittweise Durchführung der Sanierung während des laufenden Unterrichtes. Bei näherer Prüfung wurde aber deutlich, dass nur das tragende Stahlbeton-Skelett und die -Decken des Gebäudes stehen bleiben konnten. Alles andere hatte durch Bomben und Witterungseinfluss so gelitten, dass es abgebrochen werden musste. Da das Hauptgebäude nicht mehr genutzt werden konnte, wurden Baracken in der entfernteren Nachbarschaft für den Unterricht notdürftig umgebaut. Für manche Stunden war es erforderlich, die Stühle hin und zurück zu tragen.
Der Grundriss wurde geändert und z.B. der Eingang von der Bleicherstraße (Kattunbleiche) zur Wandsbeker Allee verlegt. Der ehemalige Putzbau wurde jetzt in gelbem Klinkerverblendstein ausgeführt.
Im Herbst 1954 wurde bei Gründungsarbeiten der Grundstein freigelegt und anschließend in Form eines Pentagondodekaeders aus Kupferblech wieder an dieselbe Stelle in der Mitte des ehemaligen Eingangsflurs gelegt.
Am 15. September 1956 war dann die Einweihung für das neu entstandene Haupthaus. Direkt anschließend begann der Bau des Zwölf-Klassentraktes entlang der Wandsbeker Allee.
Am 19. Juni 1958 war die Raumnot erst einmal vorüber und der ehemalige räumliche Umfang fast ganz wiederhergestellt.

Wiederaufbau der SchuleWiederaufbau der Schule Hauptgebäude der SchuleHauptgebäude der Schule KlassentraktKlassentrakt KlassenpavillonKlassenpavillon

In den 1960er Jahren nahmen Anmeldungen wieder stärker zu. Zur Fünfzig-Jahrfeier der Schulgründung 1972 wurden daraufhin ein Kindergarten mit zwei Gruppen und der Aufbau zur Zweizügigkeit begonnen.
Zuvor war 1970 die inzwischen weit angewachsene Schule in Nienstedten endlich in die Eigenständigkeit entlassen worden. Da es nun zwei Waldorfschulen in Hamburg gab, wurden die Namen “Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek” und “Rudolf Steiner Schule Hamburg-Nienstedten” gewählt.
Auch die Gründung einer Schule in Hamburg-Bergstedt, 1974, etwa 12 km nordwestlich von Wandsbek, brachte keine merkliche Entlastung der Schülerzahl. Also wurden auf der anderen Seite der Wandsbeker Allee drei Pavillon-Baracken errichtet und ja schließlich mehrere Klassenräume in der Schule Bandwirkerstraße gemietet.
Finanzielle Unterstützung zu Neubauten von Privatschulen war im Haushalt Hamburgs nicht vorgesehen. Die Geburtenraten nahmen aber von Jahr zu Jahr ab, so dass Anmeldungen an manchen Schulen ausliefen und die Gebäude bald leer stehen würden. Die Übernahme solcher Schulen kamen mit der Schulbehörde ins Gespräch. Ohne jedoch bereits ein bestimmtes Projekt in Aussicht zu haben, wurde in dieser Zeit im Schulverein die Entschluss gefasst, mit dem Ansparen über eine Umlage für einen Schulerweiterungs- oder Neubau zu beginnen.
Die Stadt bot nacheinander mehrere ihrer bald auslaufenden Schulen an. Keine davon konnte zunächst den Wünschen und Vorstellungen von Lehrer- und Elternschaft entsprechen. Bis endlich auch die Weißenhofschule ins Gespräch kam.
Die Verkehrsanbindung ist verhältnismäßig günstig, wenn auch für Schüler aus der Innenstadt etwas weiter. Um das zwar nicht üppige aber dennoch eben ausreichend große Grundstück zieht sich im Osten und Norden der Rahlstedter Weg, eine viel befahrene Straße, hin, im Westen der Lauf der Berner Au mit daran liegenden Schrebergärten, Wegen auf beiden Ufern und grasbewachsene Uferböschungen und etwas weiter südlich ein breiterer Streifen ursprünglicher Überschwemmungswiesen. Ebenfalls im Süden liegt die Weißenhofsiedlung mit zum Teil über 10 Stockwerke hohen Plattenbauten, die weiter gen Süden in zweigeschossige Reihenhäuser übergeht. An der Westseite führt eine Hochspannungsleitung über das Grundstück. Bebaut war das Gelände im Westen mit einem dreigeschossigen Hamburger Schulnormbau vom Doppel H Typ und nach Norden gelegener Normschulturnhalle. So bot das Gelände nach Osten und Norden hin gerade eben ausreichenden Raum für die benötigten Ergänzungsbauten bei etwas zu beengten Schulhofflächen.
Mit Beginn der Sommerferien 1983 begann die Elternmitarbeit mit dem Feiräumen des Geländes und den Umbauten im Altbau. Das Bauunternehmen Hammers richtete die Baustelle ein und führte die Gründungsarbeiten aus. Für die Grundsteinlegung wünschten ältere ehemalige Lehrer, dass der 1954 bei der Renovierung in Wandsbek gelegte Grundstein für die neue Schule mitgenommen werde. Über die Lage des Grundsteins gab es keine Angabe. Es war den Schülern immer erzählt worden: wenn ihr die Schule betretet, dann geht ihr im Eingang über den Grundstein. Der alte Eingang lag an der Kattunbleiche (Bleichersraße), der neue an der Wandsbeker Allee: man entschloss sich, am alten Eingang zu suchen. Und traf mit dem Abbruchhammer 2 cm neben der Mitte eines Betongehäuses auf den Dodekaeder aus Kupferblech. Der wurde ausgebaut, aufs neue verlötet und 1984 bei der Grundsteinlegung in Farmsen in die auf der Spitze stehende Würfelaussparung in einem Pentagondodekaeder aus Beton mit 1m Kantenlänge versenkt. Das in den Klinkerboden vor dem Südausgang eingelegte Dreieck zeigt die Lage an.
Im Januar 1985 geschah der Einzug in das Gebäude.

Schule vor der UmbauSchule vor der Umbau Ansicht SchulumbauAnsicht Schulumbau Der Neubau aus der VogelperspektiveDer Neubau aus der Vogelperspektive Schule nach der UmbauSchule nach der Umbau