Neubau der Schule und Umzug nach Hamburg-Farmsen (1985 bis heute)
Gleich zu Beginn des Jahres 1985 – im 63. Jahr ihres Bestehens – zog die Wandsbeker Rudolf Steiner Schule nach knapp zweijähriger Bauzeit von Hamburg-Wandsbek nach Hamburg-Farmsen um. Hatte die Schule zur Zeit ihrer Gründung in Wandsbek vor den Toren außerhalb der Hansestadt gelegen, war sie durch die Eingemeindung Wandsbeks im Jahre 1937 ins Hamburger Innenstadtgebiet gerückt. Mit dem Umzug nach Farmsen war der Schulort nun wieder der östliche Stadtrand. Farmsen war noch vor kurzem ein eher ländlicher Stadtteil Hamburgs, durchflossen von der Berner Au mit weiten Überschwemmungswiesen. Die günstige Verkehrsanbindung durch die U-Bahn-Linie 1 hat jedoch bewirkt, dass das alte Farmsen seinen Charakter fast ganz verloren hat: verbreiterte Straßen, ein regulierter Aue-Bach, Schrebergärten und eine in den 60er- und 70er-Jahren übliche bis zehngeschossige Randbebauung in Fertigteilbauweise entlang der Aue-Niederung sowie ein Einkaufszentrum bestimmen das heutige Bild.
Die Umgebung der Schule ist nach Westen zur Berner Au hin noch relativ natürlich, nach Norden und Osten aber ist das Grundstück von einer verkehrsreichen Straße begrenzt, und von Süden her ragt die Silhouette einer vielgeschossigen Plattenbausiedlung ins Blickfeld. Die auf dem Gelände befindliche, aus Betonfertigteilen erbaute staatliche Realschule machte etwa ein Drittel der notwendigen Bausubstanz aus. Das Gebäude liegt am westlichen Rand des Gründstücks, so dass der Neubau – um genügend Platz für die Pausenhöfe zu gewinnen – auf der Ostseite bis dicht an den vielbefahrenen Rahlstedter Weg herangebaut werden musste.
Zu Beginn der Planung, die mit einer Architektengemeinschaft, bestehend aus dem Stuttgarter Architektenbüro Seyfert und dem Hamburger Architektenbüro Carsten-Weber-Wuppermann erarbeitet wurde, war klar, dass das vorhandene Gebäude – Altbau genannt – erhebliche Umbauten erfordern würde. Heute beherbergt es den größten Teil der Fachräume:
Werk- und Plastizierräume, Handarbeits- und Gruppenräume für den geteilten Sprachunterricht, die Naturwissenschaften, die beiden Abiturklassen sowie die 9. und 10. Klassen.
Besonders zu erwähnen ist, dass der größte Teil der Umbauarbeiten am Altbau – angestoßen durch eine unermüdliche Initiativgruppe – von Eltern, die haupt- oder nebenberuflich als Maurer, Tischler, Architekten, Elektriker, Statiker usw. tätig sind, aber auch von Lehrern und Schulklassen durchgeführt wurde.
Beim Einzug war der Innenausbau nicht beendet, auch der Saal bei weitem noch nicht fertiggestellt. Und der Schulverein stand in dieser Zeit erheblicher Wirtschaftsprobleme vor schwerwiegenden finanziellen Fragen.
Zwar hatten die Schulvereinsmitglieder von 1974 bis 1984 sechs Millionen DM angespart. Dieses Geld war von Eltern gegeben worden, deren Kinder überhaupt nicht mehr, oder nur für kurze Zeit noch das neue Schulgebäude würden besuchen können.
Zehn Millionen DM hatten zu erheblichem Zinssatz aufgenommen werden müssen. Allerdings hatten Bankfachleute aus der Elternschaft zu einem Finanzierungsplan geraten: Keine Tilgung zahlen – stattdessen Bausparverträge abschließen. Diese Finanzierungsstrategie führte dazu, dass die für den Neubau aufgenommenen Kredite im März 2005 abgetragen waren.
Vor Beginn des Neubaus hatte die Elternschaft Bereitschaft erklärt, durch Arbeitseinsatz zum Umbau des vorhandenen Altbaus beizutragen.
Die Elternarbeit wurde durch einen Schülervater, Herrn Ingenieur Jens Wende, geplant und angeleitet. Aber erst nachdem ein weiterer Schülervater, Herr Poppe, von Beruf Bauleiter, einen Nachmittag zur Verfügung stellte, die Massenangaben in der Ausschreibung für die Baufirmen in Schubkarrenladungen umrechnete und die Dauer von Arbeiten angab, konnte mit ungefährer Planung begonnen werden. Die Arbeiter der Baufirmen standen manchmal vor Rätseln: am Freitag hatten sie den wegen Rohrverlegung aufgerissenen Parkplatz verlassen – Montagmorgen war dieser wieder gepflastert. Und das von Leuten, die soetwas nie zuvor gemacht hatten. Und die Pflasterung hält bis heute!
Alle Gewerke kamen dran: Abbruch, Gründung, Schalung, Bewehrung, Beton, Mauern, Verputzen, Plattenmontagen, Anstrich, Wasser und Abwasser, Elektroinstallation, Tischlerei (Podeste, Herstellung und Einbau fast aller Innentüren, Decken-Holzverkleidungen, Parkettlegen, Klassen-Sideboards und -Schränke), Zimmerei (Innenhofüberdachung, Übergang zum Altbau), Schlosserei (Geländer, Bühnendecke, Beleuchtungsklappen und -gänge, Altbauunterfangung).
Über 2,5 Millionen DM an Arbeitskosten mussten nicht bezahlt werden.
Alle diese Arbeiten zogen sich noch bis 1987 – 1988 hin.
Mit dem Einzug wurden Fragen einer Ausrichtung der Lehrpläne auf aktuelle Zeiterscheinungen in der Lehrerschaft rege beraten. Daraus ging unter anderem hervor, einen Unterricht über Computertechnik als Anknüpfung an Zeitgeschehnisse zunächst versuchsweise zu beginnen, dann auf Dauer einzurichten.
Wohl über zwanzig Jahre lang gab es Musikunterricht so recht und schlecht der eine oder andere Lehrer es vermochte. Nun aber begannen neu gewonnene Lehrer ein Kollegium für den Musikunterricht durch alle Klassenstufen aufzubauen.
Die Zunahme alleinerziehender Eltern machte Anfang er 90er die Einrichtung von Hortgruppen, und dafür die Schaffung von Räumen, die Einstellung von Erziehern nötig.
Infolge dessen musste Raum für den Gartenbau geschaffen werden. Das Gartenbau-Haus wurde 2004 für 43 000 € fertiggestellt.
Schließlich erhielt auch das Fach Musik im Herbst 2007, nach 20 Jahren Kräfte zehrender Provisorien, endlich auf einer Ebene im Zusammenhang mit dem Musiksaal liegende Räume, die über der Turnhalle errichtet wurden. Im gleichen Zug wurde das Atelier für Ton und Steinarbeiten geschaffen und die Turnhalle von Grund auf saniert. Die Kosten betrugen 1,8 Millionen €.
Diese Investitionen waren gegenüber der Zeit des Neubaus leichter zu bewältigen, seit Privatschulen etwa ab Ende der 90er Jahre etwas auskömmlicheren Zuschuss und gesondert auch für die Schaffung von Unterichtsraum erhalten und das Zinsniveau bedeutend gesenkt war.
Heute beherbergt unsere Schule knapp 900 Schüler in 24 Klassen und 2 Abiturklassen (mit zusammen 40 bis 50 Abiturienten pro Jahrgang) sowie ca. 110 Lehrer und sonstige Kollegen. Viele der Schüler, die den Umzug von Wandsbek miterlebt haben und beim Schulbau mithalfen, sind heute nach 15 Jahren wieder bei uns – als Kindergarten- oder Schuleltern.



